Ich bin schlecht gelaunt. Extrem schlecht gelaunt! Meine Psyche – ein Minenfeld.
Alles fing damit an, dass meine Mutter mir an einem Sonntag im Jänner mit den Worten »Jetzt oder nie!« mein Horoskop an den Kopf warf. »Beste Chancen für Widder-Singles im Venusjahr 2011 mit einem spritzigen Zwilling in den Hafen der
Ehe einzulaufen«, las sie mir aufgeregt vor.Getan hat sich monatelang natürlich nichts – niente – nada. Bis meine Mutter hoffnungsfroh einen Computer besorgte und ich im Internet einem »Wild Man« begegnete. Wir trafen uns jeden Samstag im Netz und wussten bald viel voneinander. Dass wir beide gerne Fischstäbchen mit Mayonnaise essen, zum Beispiel. Wild Man und ich hatten wirklich eine Menge gemeinsam, sodass ich nicht sonderlich erstaunt war, als er mich vor drei Wochen um ein reales Date bat. Wir verabredeten uns also für heute Abend und wollten uns im M10 den Film Mon Cherie, oder so ähnlich, ansehen. Zwei Nächte lang konnte ich nicht schlafen, ganz schlecht war mir vor Aufregung. Was, wenn Wild Man auch bei mir übernachten wollte?? Meine Wohnung ist ziemlich eng, das Wohnzimmer aber finde ich schön. Wenn man es betritt, sieht man als erstes ein Schiff in Seenot. Ich habe es selbst gemalt. Den elefantengrauen Teppich und den Sofaüberzug mit den grünen Männchen finde ich klasse, und das Geweih an der Wand macht sich gut. Doch als ich heute Morgen auf der Toilette saß, kamen mir doch schwere Bedenken, ob mein Wohnstil auch Wild Man gefallen würde. Mein Aussehen hingegen machte mir keine Sorgen. Wir hatten nie Fotos ausgetauscht, ich bin nicht fotogen. Aber in echt sehe ich umwerfend aus.
Zwanzig Tage lang hatte ich mich gewissenhaft auf das Rendezvous vorbereitet.
Ich schrieb mich in einem Fitnesscenter ein – zwei Tage habe ich geschwitzt,
faul war ich nicht! Mein Arzt, er ist Chinese, riet mir, nur Kefir zu trinken. Ich hungerte vierzehn Stunden lang, dann begann ich wieder zu essen. Danach steckte Doktor Chang-Wu Nadeln in meinen Körper. Heiliger Bimbam, sah ich aus! Geholfen hat es nichts.
Die Frage, »Was ziehe ich an beim ersten Date?«, drängte sich auf. Ich fuhr in die Stadt, um mir bei Bigs neue Klamotten zu kaufen. Ich probierte die Highlights der Saison: Neon-Leggins und Karottenhosen, zwängte mich in schwarze Etui-Kleider – Schwarz macht schlank! Nach drei nervenzermürbenden Stunden entschied ich mich für einen Kaftan in leuchtendem Pfefferminzgrün. Heute wachte ich schon um vier auf, aß zur Beruhigung meiner Nerven Gummibärchen und beschloss, das Bett in feierlichem Grau und Rot zu beziehen. Nachmittags eilte ich zu meinem Friseur und verließ zwei Stunden später mit einer Mähne wie Tina Turner den Laden. Zuhause träufelte ich vier Tropfen der Blütenessenz »Tiger Lily« auf meine Zunge, danach war ich eigentlich ganz ruhig, abgesehen davon, dass mein linkes Augenlid immer zuckte. Selbstbewusst, als wäre ich Angela Merkel, betrat ich gegen 20:00 Uhr das M10 und ließ meinen Blick durch die Eingangshalle schweifen. Wild Man stand nahe der Bar – und genauso hatte ich ihn mir vorgestellt: Gegen Ende vierzig und mit dunklen Haaren. Die Lederjacke und die engen Jeans standen ihm ausgesprochen gut. Ich tänzelte in meinen neuen Schuhen mit Trichterabsatz auf Wild Man zu und erstarrte auf halbem Weg: Der Richard-GereTyp beugte sich zu einer zierlichen Frau und sagte mit einer leicht heiseren Stimme, die sehr, sehr männlich klang, ein paar Worte zu ihr. Ich schluckte. Wer war dann …? Als ein kleiner, dicker Mann in rotkariertem Holzfällerhemd auf mich zutrat, war ich baff.
Das konnte unmöglich Wild Man sein! Mann in den besten Jahren, hatte er geschrieben, markantes Gesicht. Markant! Das war nicht einmal gelogen: Keine Haare auf dem Kopf,
aber jede Menge Haare in den Nasenlöchern und Ohren.Ich? Ich habe auch etwas gemogelt. Kurvig, hab ich geschrieben, in Wirklichkeit bin ich fett. Doch heute sah ich
gut aus in meinem Ganzkörpermieder!
»Rosa?«, fragte der Glatzkopf und wurde dabei so rot im Gesicht, als hätte er etwas Unanständiges gesagt. Ich hob fragend die Augenbrauen, sah suchend um mich und begann mit den Armen zu wedeln: »Edi!«, rief ich und eilte mit Wild Man’s verdutztem Blick im Nacken dem imaginären Edi und dem Ausgang zu. Im Taxi sagte ich nichts. Wirklich keinen Ton! Bis der Fahrer »Was für ein herrlicher Abend« sagte und eine CD einlegte. Als Woman in Love erklang, war das zu viel für meine überreizten Nerven. Ich schrie auf und klatschte die Handfläche meiner rechten Hand gegen seinen Hinterkopf. Der Fahrer erschrak so sehr, dass er das Lenkrad verriss, von der Fahrbahn abkam und einen Hydranten umfuhr. Ich sitze im neuen Nachthemd (dem schärfsten Modell der
Saison) vor dem Fernseher und bin schlecht gelaunt. Extrem schlecht gelaunt …
Ingeborg Schipflinger hat Eintrittskarten für die Buchmesse Wien von 10. bis 13. November 2011 gewonnen. Infos unter www.buchwien.at








