Rezeptheft
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Gerichte für Schulkinder

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Der Gewinnertext von Klaudia Blasl

Jetzt oder nie, befand Maria. Entweder sie würde endlich den ersten Schritt wagen und diese stattliche Gelegenheit beim Bart ergreifen, oder sie ergab sich definitiv dem amourösen Vorruhestand. Die Zeit war reif. Schon nagte die Altersschwäche an ihrer Jungfräulichkeit wie die Schwerkraft am Bindegewebe. Sie nahm sich ein Herz, fiel ihrem froschäugigen Kollegen um den Hals und küsste ihn auf seine behaarten Lippen. Dabei fühlte sie sich wie die Prinzessin im Märchen, die sehnsüchtig Ausschau hielt nach dem Königssohn. Der geküsste Josef sah das profaner. Er fühlte sich wie ein Backfisch im Brunnenschacht und suchte verzweifelt nach einem Ausweg. Sexuelle Übergriffe waren nicht seine Sache. Seit seiner Scheidung nahm er gewisse Dinge lieber selbst in die Hand. Da wusste man, woran man war.
»Aber wir, aber ich …«, wollte er nun seiner Entrüstung Luft machen, doch gerade die wurde spürbar knapp. Im Lift eingeschlossen mit einer Frau, die hautnah an seinen Lippen hing, war eine im wahrsten Sinn des Wortes atemberaubende Erfahrung. Abwehrkräfte am Boden zerstört. Maria hingegen schwebte im siebten Himmel. Drei Wochen und dreißig Liftfahrten später wurden sie offiziell ein Paar. Sie gingen gemeinsam aus, sie kamen gemeinsam heim, und sie gingen einsam zu Bett. Was weniger am Mangel an konkreten Berührungspunkten lag denn an unvereinbaren Vorstellungen der beziehungstechnischen Verkehrsführung. Sie strebte nach zügigen Schnellstraßen, er zog großräumige Umfahrungen vor. Dennoch blieben sie zusammen. Zwar verbanden sie weder fleischliche Genüsse noch geistige Ergüsse, aber ihr gemeinsames Trägheitselement bot ¬ihnen einen sicheren Halt. So sicher, dass sie selbst im Wachkoma nicht aus der Bahn geworfen wurden.
Auf der Tagesordnung standen keine verbalen Entgleisungen, das Nachtprogramm bestimmten keine emotionalen Karambolagen. Stattdessen überbot ein Tag den nächsten an Belanglosigkeit. Maria, eine Topflappenlänge vom Herd entfernt, hielt ihre zunehmend schalen Gefühle am Köcheln, während Josef sich bevorzugt der Trennkost hingab. Er kostete nur dann von seinem Essen, wenn er räumlich getrennt von Maria war. Saß sie mit am Tisch, kaute sie ständig an irgendwelchen unappettitlichen Themen herum. Da ging es dann um Blutfettwerte oder Blasenkatarrh, um Beziehungsprobleme oder den gemeinsamen Bausparvertrag. Mit derart schwer verdaulicher Nahrung fing Josef wenig an, sie lag ihm bloß im Magen. Er sprach viel lieber seinem Kreuzworträtsel zu. Ein baltischer Binnenhafen mit sechs Buchstaben oder die lateinische Bezeichnung des Kartoffelkäfers (24 Buchstaben) stellten die wahre Würze seines Lebens dar. Es konnte sogar vorkommen, dass er keinen Schlaf fand, weil ihm die Hauptstadt von Usbekistan entfallen war. Dann war es vorbei mit der Nachtruhe. Bis Josef sich aus dem Bett gewälzt, an der Lampe gestoßen und nach seinen Filzpantoffeln gefischt hatte, war auch Maria erwacht. Alleine, ihr lag wenig daran, geografische Lücken zu stopfen, sie wäre lieber ganz anderen Dingen auf den Grund gegangen. Aber umgangssprachliche Bezeichung für bettlägrige Partnerschaftsgymnastik mit drei Buchstaben kam in seinem Repertoire einfach nicht vor. Stattdessen wühlte er sich fieberhaft durch voluminöse Lexika, während sie sich frustriert unter ihrer vereinsamten Decke vergrub. Der Prinzentraum schien ausgeträumt. Dabei hatte sie sich wirklich bemüht und ihren Frosch – in Ermangelung greifbarer Alternativen – mehr als nur einmal geküsst.
Bis zu jenem fatalen Sonntag, an dem das endgültige Erwachen kam. Sie bügelte gerade ein paar Hemden in Form, er stellte einem weiblichen Tiefdruckgebiet mit fünf Buchstaben nach. Durch die geöffnete Balkontür drang die Stimme der Nachbarin. »In alten Zeiten, wo das Wünschen noch geholfen hatte …«. Erika las ihrer Kleinen ein Märchen vor. Und ausgerechnet der Froschkönig musste es sein. Als Maria beim linken Ärmel war, fiel die goldene Kugel in den Brunnen, als der Kragen an die Reihe kam, hatte die Kröte es bereits bis ins Schlafgemach geschafft. Nun war es Zeit für den erlösenden Kuss, doch was folgte, war weder Kuss noch Erlösung, sondern eine Katastrophe. Für Maria, aber auch für den Frosch. Das garstige Tier wurde gar nicht gekost, sondern an die Wand geworfen, sie hatte es soeben deutlich gehört. Maria schmiss die Hemden hin, eilte zur Nachbarin, entriss ihr das Märchenbuch, überzeugte sich mit eigenen Augen vom entsetzlichen Irrtum ihrer postpubertären Verzweiflungstat, stürmte zurück und warf das Bügeleisen an die Wand. Nie hätte sie ihn küssen müssen, jetzt war ihr alles klar. Leider kollidierte das Bügeleisen mit Meyers großem Universallexikon in 15 Bänden, Band 6 bis 9 brachten die Stehlampe zu Fall, diese schlug sich an Josefs Schädel, und Glühbirne wie Glatze gingen gleichermaßen zu Bruch. »Um Gottes Willen!« stieß Maria hervor, flehte den Himmel um Beistand an – und blieb fortan ihrer Jungfräulichkeit treu.

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