Im ewig gleichen Trott bleiben oder den Mut aufbringen, etwas zu verändern? Im Grunde haben wir es selber in der Hand, unser Leben autonom und selbstbewusst zu gestalten. Doch im Alltag ist es gar nicht so leicht, sich abzugrenzen und voller Empowerment seinen Weg zu gehen.
Empowerment – was ist das eigentlich genau?
Sei du selbst. Du trägst die Verantwortung für dein Tun. Du allein bestimmst deinen Weg. Sätze wie diese kennen wahrscheinlich viele von uns. Man liest sie in Ratgebern oder hört sie in Workshops oder Beratungssitzungen, wenn es darum geht, sich selbst zu finden. Dabei ist oft auch die Rede von Empowerment. Dieser Begriff wurde von einem US-Sozialwissenschafter geprägt und bedeutet übersetzt so viel wie Ermächtigung oder auch Befähigung. In der Psychologie versteht sich Empowerment als Strategie oder auch Maßnahme, um das Maß an Autonomie und Selbstbestimmung im Leben eines Menschen oder auch einer Gemeinschaft zu erhöhen. Gemeint ist im Grunde jene Selbstbestimmung, die so viele Menschen anstreben, um ihre Lebensziele eigenständig zu verfolgen und letztendlich ein erfülltes Leben zu führen. Um das individuelle Potenzial möglichst voll auszuschöpfen, müssen zunächst jedoch meist eine Reihe von äußeren wie inneren Hürden überwunden werden.
Selbstbestimmung durch Selbstwirksamkeit
So viel steht fest: Wer sein Leben selbst in die Hand nehmen will, muss mündig und eigenverantwortlich handeln. Nicht umsonst ist die Förderung von Autonomie ein zentraler Aspekt am Weg hin zu mehr Selbstbestimmung. Diese Autonomie ist wiederum ganz stark mit dem Erleben von Selbstwirksamkeit und einem gestärkten Selbstbewusstsein verbunden. Im besten Fall haben wir bereits von klein auf gelernt, selbstwirksam zu agieren. Was das bedeutet? Es geht einerseits darum, in die eigenen Fähigkeiten Vertrauen zu haben. Und andererseits braucht es die Überzeugung, dass man selbst in der Lage ist, etwas in seinem Leben zu bewirken. Also daran zu glauben, dass man sehr wohl einen Einfluss auf seine Lebensumstände hat, indem man sich zum Beispiel von äußeren Zwängen, zu hohen Ansprüchen oder blockierenden Glaubenssätzen löst. Lifecoach Linda Syllaba sagt über die so wichtige Kompetenz der Selbstwirksamkeit auf dem Weg hin zu einem glücklichen und eigenverantwortlichen Erwachsensein: „Autonom handeln bedeutet einerseits, unsere äußeren Bedingungen zu verändern, also etwa zu entscheiden, was uns wichtig ist, wie wir leben wollen oder wie wir unsere Beziehungen gestalten. Und es bedeutet auch, dass wir unser inneres Erleben und unsere Denkmuster immer wieder hinterfragen.“ Dabei müssten wir erkennen, dass wir alle Unikate sind, dass Fehler zum Leben dazugehören und dass wir aus ihnen lernen dürfen. Die Würde des Menschen ist laut Syllaba schließlich unantastbar: „Jeder ist es wert, geliebt zu werden, unabhängig von seiner Leistung.“ Im Übrigen kann Empowerment nicht nur als individuelle Selbstfindung gesehen werden, sondern auch als ein sozialer Prozess, der sich in einer Kultur gegenseitigen Respekts und wechselseitiger Unterstützung entfalten kann.
Gut abgegrenzt – Nein sagen will gelernt sein
In der Hektik des Alltags mit Job, Familie & Co haben wir es nicht nur mit vielen täglichen Verpflichtungen zu tun, sondern auch mit ständigen Anforderungen und Erwartungen an uns selbst. Ob im Berufsleben, in den zwischenmenschlichen Beziehungen oder auch in den sozialen Medien – wir leben sehr viel im Außen und verhalten uns oft so, wie es von uns erwartet wird. „Eigene Grenzen zu achten und sich selbst zu schützen, ist für jeden Menschen essenziell. Man sollte sich darüber im Klaren sein, was wirklich wichtig ist im eigenen Leben, um die richtigen Prioritäten zu setzen“, versichert Beraterin Linda Syllaba. Wer meint, dass es dabei vor allem darum gehe, sich ein dickes Fell zuzulegen und alle Unwägbarkeiten widerstandslos über sich ergehen zu lassen, irrt. Vielmehr soll man laut Syllaba reflektieren, welchen Preis man sozusagen zahlt, wenn man versucht, es immer allen recht zu machen. „Selbstbestimmt handeln heißt in vielen Fällen auch, sich vom Perfektionismus zu verabschieden und einmal bei Haushalt & Co fünfe gerade sein zu lassen. Außerdem sollte man nicht Ja zu etwas sagen, wenn man eigentlich Nein meint.“ Dieses Abgrenzen sei extrem wichtig, wenn es darum geht, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten und eigenverantwortlich dafür einzustehen.

Bitte mehr Selbstreflexion: Werte für das werte Ich
Niemand behauptet, dass wir von heute auf morgen lernen sollen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Es handelt sich vielmehr um einen fortlaufenden Reflexions- und Reifeprozess, der uns in jeder Phase unseres Lebens dabei hilft, mehr und mehr im Einklang mit uns selbst zu sein. In einem ersten Schritt geht es um die Auseinandersetzung mit einem selbst. Dabei stehen Fragen im Vordergrund wie „Wer bin ich?“, „Wer möchte ich sein?“, „Was möchte ich in meinem Leben erreichen?“, „Verfolge ich meine eigenen Ziele oder habe ich sie vielleicht übernommen, weil sie an mich von außen herangetragen wurden?“. Regelmäßige Selbstreflexion erfordert Ruhe, Fokussierung und vor allem Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Wer sich in Selbstreflexion übt, wird sich leichter damit tun, Entscheidungen zu treffen, die wirklich zu einem selbst passen. Möglicherweise müssen wir uns manchmal auch völlig neu orientieren, um unser Leben mehr nach unseren eigenen Wertvorstellungen und Zielen auszurichten. Gerade in einer Welt voller Möglichkeiten und Reizüberflutung ist es nämlich gar nicht so leicht, den eigenen Wünschen gegenüber den Erwartungen anderer den Vorzug zu geben. Häufig sind es alte Glaubenssätze und verinnerlichte Muster, die unseren wahren Überzeugungen im Wege stehen.
Welche Rolle Rollenzuschreibungen spielen
Die große Herausforderung besteht darin, das eigene Wohl vor die äußeren Erwartungen zu stellen. Keine leichte Sache, wenn man bedenkt, dass unser Verhalten vielfach von gesellschaftlichen Normvorstellungen geprägt ist. So wird von Frauen zum Beispiel oft erwartet, besonders fürsorglich zu sein. Oder es wird davon ausgegangen, dass viele alltägliche Haushaltstätigkeiten automatisch Sache von Frauen oder Müttern seien, während von Männern vielfach erwartet wird, dass sie möglichst beruflich Karriere machen. Stereotype und soziale Prägungen sind oft daran schuld, dass wir uns in bestimmte Rollen gedrängt fühlen, die uns eigentlich gar nicht entsprechen. Seinen eigenen Weg zu gehen, erfordert viel Mut und Selbstvertrauen. Und man muss wissen, nach welchen Werten es sich lohnt, das eigene Leben auszurichten. Was ist mir wichtig? Sind es Freiheit, Ehrlichkeit, Fürsorglichkeit, Fairness? Sind es stabile Beziehungen und Bindungen sowie Vertrauen? Werte können die Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben sein, sie sind jedoch kein starres Regelwerk. Und das ist eine gute Nachricht: Es liegt nämlich stets an uns zu entscheiden, welche Werte mit unserem inneren Kompass übereinstimmen und welche wir hingegen getrost über Bord werfen können. Schlichtweg deshalb, weil sie uns nicht guttun und uns am weiteren Wachstum hindern.
Autorin und Lifecoach Linda Syllaba bietet professionelle Begleitung in stürmischen Zeiten. www.beziehungshaus.at