In belastenden Zeiten sind effektive Methoden gefragt, die uns dabei helfen, unsere innere Balance zu finden. Mit Meditation können wir lernen, mit unseren negativen Gefühlen besser umzugehen und die lästigen Gedankenkarusselle im Kopf zu stoppen.
Meditieren liegt im Trend. Die meisten kennen es zumindest vom Hörensagen. Man assoziiert Meditation mit Entspannung, mit ruhigem Atmen. Mit einem Zustand der Versenkung. Dabei ist Meditieren viel mehr als eine Entspannungstechnik. Der Allgemeinmediziner Wolf-Dieter Nagl schreibt in seinem neuen Buch „Befreie deinen Geist“, dass Meditieren für unser Gehirn mindestens so wichtig ist wie Muskeltraining, weil nicht nur unsere Muskeln, sondern auch die neuronalen Systeme im Hirn trainiert werden müssen, um zu Ruhe und Entspannung zu kommen. „Mein Konzept der integralen Meditation umfasst unterschiedliche Meditationsformen, die jeweils einen ganz speziellen Teil des Geistes trainieren. Jede dieser Formen führt zu einem bestimmten Bewusstseinszustand“, sagt Nagl. Eine Atemmeditation mit engem Aufmerksamkeitsfokus zum Beispiel stärke die eigene Konzentrationskraft. Durch ein Training mit offenem Fokus könne das nicht wertende Gewahrsein trainiert werden, wodurch sich der Geist nachweislich von Sorgen und negativen Gedanken befreien könne.
Was Meditation und Muskeltraining gemeinsam haben
Sowohl beim Muskeltraining als auch bei der Meditation geht es im Grunde darum, unsere eigene Fitness zu fördern und unser Wohlbefinden zu steigern. Meditation ist für die geistige Ebene zuständig, Muskeltraining für die körperliche. Bei beidem gilt: „Wenn wir regelmäßig trainieren, bleiben wir fit und vital. Je mehr wir trainieren, desto größer sind die Benefits. Machen wir das über einen längeren Zeitraum von mehreren Monaten stellt sich ein Langzeiteffekt ein“, versichert der Buchautor. Ein körperlich trainierter Mensch könne davon profitieren, wenn er nach dem Auspowern das „herrliche Gefühl der Regeneration“ genießen kann. Ein Mensch, der regelmäßig meditiere, erfährt laut Wolf-Dieter Nagl Ruhe, Freude und Gelassenheit im Alltag, während ein untrainierter Geist sich schwer tue, in diese Dimension einzutauchen. „Beides – Meditation und Sport – braucht Zeit und ein gewisses Maß an Energie und Durchhaltevermögen“, so der Arzt und Meditationsexperte.
Was im Körper beim Meditieren vorgeht
Meditierende befinden sich in einem konzentrierten und zutiefst friedlichen Zustand. Dabei verlangsamen sich Atmung und Herzschlag und der Blutdruck sinkt leicht ab. Durch regelmäßiges Praktizieren schüttet der Körper weniger stressförderndes Cortisol aus. Dieser auch als Stresshormon bekannte Botenstoff kann wichtige Bestandteile unseres Gehirns dauerhaft schädigen. Etwa im Hippocampus, jenem Teil des Hirns, der für das Gedächtnis und das Lernen zuständig ist. Durch Methoden der Stressentlastung wie dem Meditieren können dort nachweislich wieder neue Neuronen gebildet werden, wodurch unsere Gedächtnisleistung gestärkt wird. Außerdem werden jene Areale im Hirn positiv beeinflusst, die uns gelassener machen. Denn eines muss klar sein: Negative Gedanken wie Sorgen und Ängste sind auf Dauer gesundheitsschädigend. Sie erzeugen Stress und führen zur Ausschüttung von Stresshormonen im Körper. „Sowohl akuter als auch chronischer Stress können weitreichende negative gesundheitliche Folgen haben, wie etwa Herzinfarkte, eine Dysbalance im Immunsystem, chronische Entzündungsprozesse sowie eine Beschleunigung der Zellalterung“, versichert Wolf-Dieter Nagl. Positive Gedanken und Emotionen hingegen wirken stressreduzierend und blutdrucksenkend und bringen das autonome Nervensystem in Balance.
Herz und Verstand in Einklang bringen
Wolf-Dieter Nagl folgt als Arzt seiner Berufung, im Umgang mit seinen Patient:innen stets eine Brücke zwischen Wissenschaft und Spiritualität zu schlagen, zwischen Medizin und Psychologie. Insofern versteht Nagl Meditation auch als geeignetes Tool, um Herz und Verstand auf eine Linie zu bringen. Viele Menschen erleben im Alltag nämlich oft Konflikte zwischen dem, was unsere Herzensstimme sagt, und den Denkmustern, die unser Verstand vorgibt. Der denkende Verstand ist schließlich geprägt von allen unseren bisherigen Erfahrungen und vor allem auch von unserer soziokulturellen Prägung. Also vielen gesellschaftlichen Normen, aber auch von Erwartungshaltungen oder bestimmten Glaubenssätzen. „Unsere Herzensstimme zeigt uns, wonach wir uns sehnen und wofür wir uns begeistern. Sie gibt damit einen Ausblick in unsere Zukunft. Weil wir aber gelernt haben, dass dies oder jenes nicht sein darf oder es eben klüger wäre, etwas anderes zu tun, erleben wir einen Konflikt zwischen Herz und Verstand, wodurch ein Gefühl innerer Zerrissenheit entsteht“, weiß Allgemeinmediziner Wolf-Dieter Nagl. Gerade bei Herzensthemen wie der Liebe oder der eigenen Berufung erweise sich unser Verstand immer wieder als Hemmschuh. „Wir können aber lernen, unser Denken zu ändern und an die Stimme unseres Herzens anzupassen, indem wir mit dem Geist arbeiten und unsere Denkmuster hinterfragen und aktualisieren. Bei Herzensthemen geht das Herz im besten Fall voran und der Verstand folgt als treuer Diener“, so Nagl.
Meditation und Achtsamkeit im Alltag
Gegenwärtig ist der Begriff der Achtsamkeit in aller Munde. Doch die wenigsten wissen mit diesem oft schon inflationär gebrauchten Begriff etwas anzufangen. Selbst das englische Wort Mindfulness scheint etwas irreführend zu sein, da ein „voller Geist“ eigentlich das Gegenteil dessen darstellt, was man durch Achtsamkeit erreichen möchte. Wolf-Dieter Nagl bringt es damit auf den Punkt: „Achtsamkeit ist die erlernbare und trainierbare Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment zu richten, sie hier zu halten und das gegenwärtig Erlebte genau so anzunehmen, wie es gerade ist.“ Dafür gibt es entsprechende Trainings, sogenannte Achtsamkeitsmeditationen, die den Geist davon abhalten sollen, über Vergangenes zu grübeln und über eine erdachte Zukunft zu sinnieren. In die breite Öffentlichkeit gebracht hat das Achtsamkeitstraining übrigens der Mediziner und Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn mit seinem Programm MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction). Laut zahlreichen Studien führt achtsamkeitsbasierte Stressbewältigung tatsächlich zu einer erheblichen Verbesserung der Lebensqualität. Für alle, die neu im Bereich der Meditation sind, empfiehlt Wolf-Dieter Nagl einen Meditationskurs in der Gruppe. Anfänger:innen könnten auch mit einem kleinen Meditationsritual am Morgen oder am Abend beginnen: „Entscheiden Sie sich einen Monat lang für eine 15-minütige Meditation als neue Tagesroutine. Suchen Sie sich dafür einen passenden Ort sowie Zeitpunkt, um ungestört zu praktizieren“, so der Tipp des Meditationsexperten. Entscheidend sei dabei die Wahrnehmung der Effekte, die sich nach einiger Zeit im Alltag einstellen. Schließlich soll die Schulung unseres Geistes unser Gehirn dazu bringen, auf nachhaltige Weise destruktive Gedankenmuster zu ändern und neue Wege einzuschlagen – in Richtung mehr Zufriedenheit und Wohlbefinden.
Buchtipp:
Wolf-Dieter Nagl: Befreie deinen Geist, Styria Verlag, EUR 24,- https://www.styriabooks.at/shop/gesundheit-wohlfuehlen/befreie-deinen-geist/